Willy Kempner Erinnerungen

Posted by: Stefan Hartmann   

Erinnerungen von Malermeister Willy Kempner an seinen Musik-Lehrer Hugo Hartmann  ( in einem Brief von 1967 )

Noch heute nach 67 Jahren denke ich zurück an meine Schuljahre. Es war das Jahr 1900. Ich hatte vor einigen Wochen am 9. März das schulpflichtige Alter erreicht.

An der Hand meines Vaters, der sehr bekannt in unserer Stadt war, betrat ich das große Backsteingebäude in der Mühlengasse-Ecke Schulstraße. In diesem großen Gebäude waren damals die Sankt Georgen und die Sankt Johannisschule untergebracht. Er führte mich zur katholischen Sankt Johannisschule.

Ein alter blondbärtiger, bebrillter Herr, war Rektor Berger, begrüßte freundlich meinen Vater und führte uns dort im Konferenzzimmer an einem langen Tisch. An diesem waren Schüler des letzten Schuljahres und hatten Klassenlisten. Beaufsichtigt wurden diese von einem alten, korpulenten Herren, Kantor Laczynski, Konrektor. Dieser alte Herr kannte schon sehr gut meine Eltern und meine fünf älteren Geschwister. Auch ich kannte ihn schon von der Kirche, wo ich sehr oft von meinem Vater am Sonntag mitgenommen wurde. Gut bekannt waren meine Geschwister schon hier, ihrer guten Stimme wegen. Und so wurde auch ich als Knabe dadurch bald bekannt. Bald sollte ich auch unseren Organisten Hugo Hartmann kennen lernen.

In den Sommermonaten, auf meinem ersten Schulfest war es, wo ich meinen lieben Lehrer Hugo Hartmann kennen lernte.

Er dirigierte den Kinderchor unserer Schule.

Es wurden folgende Lieder gesungen:
“ ich kenn ein hellen Edelstein, von köstlich hoher Art “
“ Aus der Jugendzeit “
“ im schönsten Wiesengrunde “
“ Drunten im Unterland “
“ am Brunnen vor dem Tore “
“ Willkommen Du seliger Abend “

An diesem Chorgesang wirkten damals auch meine ältesten Brüder mit! Ich habe schon viele Lieder gehört, doch habe ich nach dem Tode dieses, meines alten Liebenslehrers, keinen solchen reinen, klaren Chor mehr gehört der mich so klar und seelisch bewegte.

Später als ich seinem Chor als Schüler angehörte und unter seiner Leitung mitwirken durfte, war ich stolz, diesen Chor anzugehören. Stolz auch auf meinem alten Lehrer.

Schwer und unermüdlich brachte er seinen Chören, dem Kinderchor und seinen Männerchören dieses bei.

Er war ein sehr fleißiger Dirigent und desgleichen ein gründlicher Orgelspieler, wenn am Weihnachtsfest die Orgel von meinem Lehrer frohlockte, oder zur Fastenzeit die Orgel klagte. Und wenn zur Auferstehung unseres Heilands die Orgel triumphierte, war es mein Lehrer, der dieses alles der Orgel entlockte.

Doch so gemütsvoll schwer und arbeitsreich war auch sein derzeitiges Leben. Ein schwer kranker demütig leidender Mann. Sein Leben ist mit dem des Wilhelm Furtwängler´s zu vergleichen. Ich, sein ehemaliger Schüler, kann es sagen, da ich vieles aus seinem Leben selbst miterlebte. Er hatte auch seine Feinde, die ich nur Dünkel nenne.

Es würde einen sehr schönen Roman abgeben, wollte ich auf ausführliche Einzelheiten eingehen und seinen Erdenwandel  ausführlich beschreiben. Als er im Juni 1907 seine Augen für immer geschlossen hatte, wurde er auch von der größten Zahl seiner Chormitglieder sehr vermisst.

Ein wahrer Triumphzug gab dem Verstorbenen die letzte Ehre und begleiteten ihn zum Grabe.

Seine irdischen Reste jedoch konnten im Zuge der Erweiterung der Gleisanlagen der Eisenbahn in Marienburg, bei denen die Leichenhalle des Friedhofs ( Grosse Geistlichkeit ) und einige in der Nähe befindliche Gräber versetzt wurden, nicht mehr mit umgebettet werden infolge des Alters.

Die vom tiefen Leid erfüllten,  waren seine Frau und sein neunjähriger Sohn Bruno.

Das ist nur ein ganz kurzer Bericht. Doch entschuldigen Sie meine flüchtige Arbeit. Sollte es ihnen schon genügen , bitte ich um baldigen Bescheid, noch mehrere Erinnerungen von mir, harren ihrer Erledigung. So das Ordensfest in der Marienburg im Jahre 1901.

Ganz ergebens Ihr Willy Kempner.

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Auszug aus dem Lebenslauf von Willy Kempner.

….Im Jahre 1900 wurde ich in die Johannisschule eingeschult.
Das Gebäude befand sich in der Mühlengasse.
Bis zum Jahre 1926 war es zur Hälfte von katholischen Schülern, die andere Hälfte von evangelischen Kindern belegt.

Im Jahre 1907 war ich Schüler bei dem Lehrer und Organisten Hugo Hartmann.
Lange war uns aber unserer verehrter Lehrer Hartmann nicht beschieden.

Es war am 12. März 1907 an seinem Geburtstag.
Wir Schüler hatten vor dem Unterricht unseres Lehrers in unserer Klasse Stuhl und Tisch festlich geschmückt.
Zuvor hatte ich ihm noch von der Kirche zur Schule begleitet.

Eine Viertel Stunde vor dem Unterrichtsbeginn waren alle Lehrer auf dem Flur versammelt und plauderten bis Unterrichtsbeginn.
Auch unser geliebter Lehrer Hartmann war an der Unterhaltung beteiligt.

Noch ahnte niemand  von dem traurigen und letzten Abschluß des Unterrichts.
Alles war zum festlichen Empfang bereit. Es hatte zum Unterricht geläutet.

Tief bewegt nahm er, als er seinen dunklen Paletot und den Hut abgelegt hatte,
wobei ich ihm behilflich war, unsere Glückwünsche entgegen.

Bald darauf wurde mit dem Unterricht begonnen. Eine und eine halbe Stunde waren schon vorüber.
Da geschah es!
Heftige Übelkeit und Erbrechen stellten sich ein.
Einige meiner Klassenkameraden meldeten dieses unserem Herrn Rektor Zimmermann
und dieser ordnete die sofortige Heimführung des schwer Leber-und gallenkranken Lehrers an.
(Aus anderen Dokumenten wurde bekannt , dass Hugo Hartmann Lungen Tuberkulose-Schwindsucht hatte)

In Begleitung mehrerer Schüler-einige davon mit Blumen beladenen-nahm er letztmalig Abschied von uns.
Diesen Abschied werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Im Juni 1907 ist er dann leider verstorben und wir begleiteten unseren lieben und guten entschlafenen Lehrer,
der mir bis heute unvergesslich ist, zum Grabe.

Der Männergesangsverein, dessen Dirigent der Verstorbene lange Jahre war,
ehrte mit zwei Liedern am offenen Grabe die Verdienste des Verstorbenen und nahm Abschied von seinem toten  Dirigenten.