Nachruf zum Westpreußenlied Komponisten Hugo Hartmann

Posted by: Stefan Hartmann   

Hugo Hartmann ein westpreußischer Tonkünstler

Artikel erschienen in der Beilage „Heimat und Welt“ der „Danziger Zeitung“ vom 28.August 1907, von Eduard Müller verfasst.

Vor wenigen Wochen am 19. Juni 1907 ist in der alten Ordensstadt Marienburg ein Mann gestorben der sich als Komponist und Künstler schon lange einen Namen erworben hatte.

Es ist der Lehrer und Organist Hugo Hartmann , der Komponist des „Westpreußenliedes“.*(Siehe Fußnote)

Wie viele Tausende haben sich an den Gaben seiner Muse gelabt, getröstet und gestärkt ! Wie viele nach den Klängen seiner Tanzweisen sich in lustigem Reigen gedreht !Wie viele mögen mit dem Vortrag seiner hübschen Salonstücke ihr Licht haben leuchten lassen!

Im Kreise fröhlicher Zecher, auf ernsten und heiteren Festen, in Gotteshäusern und Schulen, in Männergesangsvereinen und gemischten Chören erklangen und erklingen seine Lieder und Weisen.

Und doch hat der Heimgegangene nicht die Würdigung gefunden, die er verdiente. Orden und Ehrenämter sind ihm nicht zuteil geworden.
Es lag auch nicht in seinem Wesen, anderen zu schmeicheln oder von sich reden zu machen.

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“.

So trivial dieses Wort auch klingen mag, die Berechtigung desselben hat sich an Hartmann recht deutlich offenbart. Hätte er sein Licht weniger unter den Scheffel gestellt, hätte er es verstanden zu glänzen, zu imponieren: er wäre gewiss weitergekommen.

Aber das widersprach seiner biederen, knorrigen Natur. Trotzdem war man an höherer Stelle auf ihn aufmerksam geworden: Er sollte als Seminarmusiklehrer nach Graudenz berufen werden. Aber einer seiner Gönner machte im letzten Augenblicke ihm einen
Strich durch die Rechnung, weil er nicht – „bitten“ – konnte.

Groß ist die Zahl seiner Kompositionen. Schon seine Tänze , die sich durch schmeichelnde, prickelnde Melodien auszeichnen, zählen in die Hunderte. Überall  in Familie und Haus werden Hartmansche Tanzweisen mit Vorliebe gespielt. Daran reihen sich seine flotten, feurigen Märsche, die auf Konzertprogrammen, besonders bei Militärkonzerten, häufig wiederkehren, an. Doch von seinen Tänzern und Märschen mochte er am allerwenigsten sprechen.

Lieber hörte er sich einen Liederkomponisten nennen. Und wahrlich, die Zahl seiner Lieder ist ebenfalls eine große. Er hat sie entweder einzeln (für Singstimme mit Klavierbegleitung oder Gesangschor) oder als Sammlungen unter Mitwirkung hervorragender Komponisten erscheinen lassen.

Manche von den Hartmanschen Liedern sind preisgekrönt worden, so unter anderem die:

„deutsche Fürstenhymne“,
„deutsche Friedenshymne“
und das Lied
„Deutsch ist der Rhein !“
(Diese drei Lieder sind in den verschiedensten Ausgaben bei Louis Oertel in Hannover erschienen.)

Mit seinem „Westpreußenlied“ (im Selbstverlag) hat er  unserer Heimatprovinz eine wertvolle Gabe dar gereicht. Dasselbe wurde auf dem deutschen Tag in Marienburg von dem dortigen Männergesangsverein vorgetragen. Überall, wo das Westpreußen-Lied gesungen wurde, hat es großen Beifall gefunden. Von seinen Liedersammlungen nennen wir folgende:

„Arion“, 60 neue Männerchöre (Greßlers Verlag, Langensalza).
„Der Kolpingfänger“, 60 leichte vier stimmige Männerchöre (Selbstverlag).
„Volks- und Kommers-Lieder-Album“ (Adolf Kunz, Berlin).
„Der Jugendfreund“ , 1-,2- und 3-stimmige Schullieder.(Greßler , Langensalza)
„Volksschulliederklänge“, 80 neue 1-, 2- und 3 stimmige Schullieder.
„KonKordia“ ,65 Männerchöre.
„Sängergrüße“ ,36 neue weltliche Lieder für gemischten Chor.
„Fromme Klänge“ , 24 neue geistliche Lieder für gemischten Chor.

Die Vier letzten Liedersammlungen befinden sich druckfertig in dem literarischen Nachlass des Verstorbenen und sehen derVeröffentlichung entgegen. Die Hartmannschen Lieder vermeiden alles Gekünstelte und Bizarre. Trotz ihrer Einfachheit in Ton und Satz klingen sie originell und echt melodiös.

Hartmanns eigentliche Domäne aber bildet die Musica sacra , und zwar die Orgelmusik. Dem aufmerksamen Beobachter wird es nicht entgangen sein, dass gerade dieses Gebiet von den Tongewaltigen der Neuzeit auffallend vernachlässigt wird. Nur wenige haben hier Hervorragendes geleistet.  Zu diesen wenigen gehört auch Hartmann.

Sein Oratorium „Longinus“ , welches seine geniale Begabung im schönsten Lichte erscheinen lässt, zeigt, dass er unsere alltäglichen Musikgrößen weit überragt. Das Werk ist bereits zu wiederholten Malen zur Aufführung gelangt, so in Königsberg, Dirschau und Marienburg. Auch vom Danziger Cäcilien-Verein zu St. Nikolai wurde „Longinus“ vor mehreren Jahren gesungen.

„Schon die kraftvolle, wirklich meisterhaft durchgeführte Introduktion“, so schreibt eine Danziger Zeitung über jene Aufführung , „lässt auf die ganze Schönheit und den tieferen Gehalt des Tonstückes schließen. Besonders hervorgehobenen muss noch werden, dass der innere Seelenkampf des Longinus, welcher gewissermaßen die leitende Idee des Stückes ist, in so ergreifender Weise zum Ausdruck gelangt, dass das Ganze eine erhebende, überwältigende Wirkung ausübt….

Wir können dem Komponisten mit berechtigtem stolze nur unsere besten Glückwünsche aussprechen.“

Ferner hat Hartmann zahlreiche Requiems, Sakramentsgesänge, Offertorien und deutsche und lateinische Messen komponiert, welche bei den verschiedensten Verlegern erschienen sind. Besonders wertvoll sind seine Orgelpräludien. Bisher sind von ihm folgende Orgelsammlungen erschienen:

„Laudate Dominum“ , 100 neue Orgelstücke (bei Breitkopf und Härtel, Leipzig).

„Orgelklänge“ , 135 neue Orgelstücke in allen gebräuchlichen modernen Tonarten (bei Anton Blüm und Sohn in Augsburg und Wien).

„Handbuch für Organisten“ , 147 Orgelstücke (Verlag von Pietsch).

„Der Orgelfreund“, 140 kürzlich neue Orgelstücke (noch nicht verlegt, aber druckfertig).

Es sei bemerkt dass Hartmann viele seiner Kompositionen unter Pseudonamen, wie R. Burg, F. Fischer, L. Klarheim, R. Kalwens, P. Leithold, O. Mannhardt, F. Waldach, A. Werner  usw. herausgegeben hat.

Schon die bisher aufgezählte in Tonschöpfungen sind ein Beweis von dem vielseitigen und fruchtbaren Talente Hartmanns. Auch noch nach einer anderen Richtung hin ist die Musikliteratur durch ihn bereichert worden. Er schrieb aufgrund seiner Erfahrungen als Musiklehrer

eine Klavierschule,
eine Violinchule,
eine Harmoninium-Schule (erschienen im Musikalien-Verlag von Adolf Kunz, Berlin),
eine kleine Orgelschule (Verlag?)
eine Zitherschule (Verlag?).

Namentlich die beiden erstgenannten Schulen haben eine weite Verbreitung gefunden.

Sie gehören mit zu den besten Unterrichtswerken auf diesem Gebiete.

Aber neben dem Komponisten tritt uns in Hartmann auch der Virtuose entgegen.

Er bekennt von sich selber:
„Meine Lieblingsfächer sind:
Orgel, Harmonium, Geige, Viola, Violoncello, Klavier, Gesang und Flöte.“

Auf all diesen Instrumenten entwickelte er eine große Technik.

Seine Meisterschaft jedoch zeigte er als Klavier-und Orgelspieler.

Durch eifriges ernstes Studium der Musik und ihrer berühmten Meister hatte er es dahin gebracht,
dass er vom 21. Lebensjahre ab in mehreren Städten Westpreußens öffentlich als Klaviervirtuose auftrat.

Die schwierigsten Kompositionen unserer Klassiker spielte er aus dem Gedächtnis,
ohne sich eines Notenblattes zu bedienen.

Seine Leistungen als Pianist fanden die günstigste Kritik.

Die neue Konitzer Zeitung (Jahrgang 1806. 80, Nummer. 221) begrüßte ihn als
„aufgehenden Stern am Musikhimmel“ und sagte wörtlich:
„Selten werden die Tonwerke unserer größten Komponisten in so filigranartig feiner Ausführung geboten,
nicht einmal immer von Pianisten, die sich in der Musikwelt bereits einen festen Ruf erworben haben,
wir nennen zum Beispiel Stavenhagen.

Der seelenvolle Vortrag des Herrn Hartmann erinnerte uns lebhaft an Eugen d’Albert,
welcher bekanntlich als erste musikalische Größe auf dem Gebiete des Klavierspiels gilt.“

Leider blieben die erwarteten materiellen Erfolge ganz und gar aus.

Kein Wunder! Denn der junge Künstler hatte noch keinen Namen.

Auch fehlte ihm jedes praktische, kaufmännische Geschick,
ohne welches derartige Unternehmungen nicht gut denkbar sind.

Das Wort „Klappern gehört zum Handwerk“ haßte er aus tiefster Seele und verschmähte jede Reklame.

Dazu fehlten ihm die nötigen Geldmittel, und einen reichen Kunst-Mäcenen hat er nicht gefunden.

Darum schlugen Seine Konzertunternehmungen fehl, und er musste seine Kunstreisen,
kaum angefangen, bald wieder aufgeben.

Dieser Fehlschlag hatte ihn so entmutigt, dass er auch später eigene Konzerte nicht mehr veranstaltete.

An ihm erfüllte sich so recht das Wort: „wen die Götter lieben, den züchtigen Sie.“

Manche harten Schicksalsschläge (Geldverluste, Tod einer erwachsenen Tochter usw.) haben ihn getroffen.

Aber das Unglück konnte seine Schaffenskraft nicht lähmen.

Im Gegenteil, aus solchen Anlässen kamen ihm die schönsten und größten Gedanken, in solchen Stunden schuf er seine besten Werke.

Die Natur und das tägliche Leben waren die Impulse seines künstlerischen Schaffens.

Das Lied des Vogels, das Säuseln der Blätter, das Klappern der Mühle, das Murmeln der Quelle,
das Stammeln des Kindes gaben ihm die Motive zu seinem Ton Dichtungen.

Mit Bleistift und Papier eilte er hinaus in den Hain und schrieb in Noten nieder, was ihm die Waldgeister erzählten.Am liebsten komponierte er, wenn draußen der Sturm durch die Lüfte fuhr und die Wipfel der Bäume niederbeugte, dass sie seufzten und klagten.Die kunstsinnige Gattin aber bestand bei den Kindern seiner Muse Taufe, indem sie ihnen die Namen (Überschriften) gab.Der rastlose Fleiß und die wahrhaft erstaunliche Arbeitsleistung des Verstorbenen nötigen uns die höchste Bewunderung ab.War der Schulunterricht zu Ende, dann komponierte er, gab Musikstunden und erledigte 3-4 Stunden täglich Notenkorrekturen für

Musikverleger.

Am späten Abende aber finden wir ihn wieder im Gesangsverein seines Dirigentenamtes walten.
Für ihn war das Leben ein endloser Arbeitstag.

Solchen Anstrengungen konnte sein überhaupt schwächlicher Körper auf die Dauer nicht widerstehen.

Im Frühjahr dieses Jahres erfolgte endlich die Katastrophe.

Eine heimtückische Krankheit erfasste ihn und nach kaum viermonatigem Krankenlager ging seine Seele zum ewigen Frieden ein.

Im besten Mannesalter, mit 45 Jahren, ist er von uns geschieden.

So manches unvollendete Werk hat er mit ins Grab genommen; vielleicht hat er sein Bestes uns erst geben wollen.

Aber auch schon das, was er geschaffen, sichert  ihm einen Ehrenplatz unter den Künstlern im Reich der Töne.

Noch einige Daten aus seinem Leben mögen hier folgen.

Hugo Hartmann ist ein geborener Westpreuße.

Zu Portschweiten im Kreise Stuhmerblickte er am 12. März 1862 das Licht der Welt.

Sein Vater besaß da selbst einen Gasthof und leitete gleichzeitig eine Musikkapelle.

Schon frühzeitig wurde der begabte Knabe von seinem Vater mit Frau Musica bekannt gemacht.

Vom 11. bis 17. Lebensjahre besuchte er die Musikschule in Heiligenlinde (Ostpreußen).

Im Seminar zu Graudenz erhielt er seine Vorbereitung auf den Lehrerberuf.

Er wirkte als Lehrer in Eickfier , Stegers und Schloppe.

Im Jahre 1887 wurde er nach Marienburg versetzt.
Gleichzeitig versah er das Organistenamt an der dortigen katholischen Kirche.

Zur Vervollkommnung seiner Musik-Kenntnisse, absolvierte er im Jahre 1893 die Kirchen-Musik-Schule zu Regensburg.

Die Herren Direktor Dr. Habert, Domkapitular dar Dr. Jakob,
der berühmte Kontrapunktiker Haller, Domkapellmeister Engelhardt und Konzertmeister Tischler waren da selbst seine Lehrer.

Während seiner 20 jährigen Wirksamkeit in Marienburg hat er sich viel Liebe erworben.

Ein großes Trauergefolge gab dem verstorbenen unter den ernsten Klängen einer Musikkapelle das letzte Geleite,
während der Marienburger Männergesangsverein ihm den letzten Gruß ins Grab nachsandte.

„Im Weichselgau auf blum´ger Au“ – wie es in seinem „Westpreußenliede“ heißt –
hat der Heimgegangene seine letzte Ruhestätte gefunden.

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* Fussnote:

Das „Westpreussenlied“ wie auch das „Kirmeslied“ hat die Witwe des Künstlers der
Ziemssenschen Musikalienhandlung ( Inh. Julich) abgetreten,
wo beide Lieder in verschiedenen Ausgaben ( für zweistimmigen
und dreistimmigen Schülerchor, für eine Singstimme mit Klavierbegleitung
und für Männerchor) käuflich zu haben sind.